Vorwort

 

Ich heiße sie herzlich willkommen auf der Internetseite  der Ausstellung „Die wilde Vertreibung der Deutschen aus Nordböhmen“. Erlauben Sie mir bitte in diesen Vorwort einige kurze Erläuterungen über die Entstehung und Bestimmung dieser Ausstellung. 

Für mich ist historisches Wissen nicht nur die Kenntnis von  Vergangenen, sondern erst wenn ich die Ursache zu kennen glaube, auf  Grund derer Ereignisse geschehen sind , und ich erkenne, daß es die Ursache war.

Dieser aristotelischer Gedanke war während der Vorbereitung diese Ausstellung mein ständiger Begleiter. 

Die Ausstellung „Die Wilde Vertreibung der Deutschen aus Nordböhmen“ wendet sich nicht nur gegen das Vergessen. Deswegen ist dieses Vorwort ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung Sie folgt vielmehr den Forderungen namhafter Historiker in Tschechien nach einer „Versachlichung der Debatten“ durch Rückbesinnung auf die Originalquellen und „Komplettierung der bisher vor allem in den deutschsprachigen Ländern allzu einseitig auf individuellen Erinnerungsberichten basierenden Geschichtsbilder durch die längst überfällige Konfrontation mit den amtlichen Quellen tschechoslowakischer Provenienz“. Sodann nach „Erweiterung und Ent-Nationalisierung der historischen Reflexion durch Überwindung der immer noch virulenten Verengung der Thematik auf besonders spektakuläre Gewaltakte“; nach Darstellung der Nachkriegsereignisse „als integrales System komplexer zwischenmenschlicher Beziehungen und kausaler Zusammenhänge, die nur in ihrer Gesamtheit richtig verstanden werden können“; nach „Überwindung von veralteten mono-nationalen und bilateralen Sichtweisen“; und schließlich nach „Sensibilisierung für die Tatsache, dass das Thema über das traditionelle Narrativ der deutsch-tschechischen Beziehungen hinausreicht und das Schicksal von zahlreichen Angehörigen auch anderer Identitäten Gruppen [Nationalitäten] einschließt“

( Adrian von Arburg/Tomáš Staněk (hg.), Dokumente aus tschechischen Archiven, Band II./ 1: Die Aussiedlung der Deutschen und der Wandel des tschechischen Grenzgebiets 1945–1951. Prag 2011, Projektbewerbung)

Unsere Ausstellung ist die Fortentwicklung einer Ausstellung, die 2006-2009 in der Tschechischen Republik gezeigt wurde: Oběti komunistické moci v severočeském pohraničí 1945-1946 – Byla to spravedlivá odplata, pomsta, nebo zločin proti lidskosti?  („Opfer der kommunistischen Macht in Nordböhmen 1945-1946 – War er es gerechte Vergeltung, Rache oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Eine Ausstellung der Föderation der unabhängigen Schriftsteller Prag“), die in Zusammenarbeit mit dem „Förderverein der Stadt Saaz / Žatec“ konzipiert wurde. Sie thematisierte an Hand neuester wissenschaftlicher Forschungen die hervorgehobene Rolle der kommunistischen Partei bei der Vertreibung der Deutschen und der politischen Neuordnung der Grenzgebiete.

Die heutige Ausstellung stellt die Ereignisse von Sommer 1945 in den breiteren Kontext einer historischen Konfliktgemeinschaft von Deutschen und Tschechen (dazu: Jan Křen, „Die Konfliktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche 1780-1918“, München 1996). Sie belegt mit Originaldokumenten aus tschechischen Archiven im Vergleich mit Aussagen von Zeitzeugen, daß die sogenannte „Wilde Vertreibung“ von tschechischem Militär und kommunistischen Kadern geplant und durchgeführt wurde. Die Gegenüberstellung versifiziert die Zeugnisse der deutschböhmischen Flüchtlinge hinsichtlich der Verbrechen und der Gräueltaten in dieser Zeit.  Die Ausstellung kann den Komplex der Vertreibung nur schlaglichtartig beleuchten, keineswegs vollständig dokumentieren. Sie kann auch nicht die politischen Hintergründe und Verantwortungen in allen Verästelungen darstellen. Sie dokumentiert vielmehr ausschnittweise Taten und Motive und läßt dabei Täter und Opfer zu Wort kommen.

Denn nur das Militär und die von ihm organisierten und gelenkten Hilfseinheiten, die „Revolutionsgarden“, waren in der Lage, diese blutigen „Säuberung“ durchzuführen. Es war dies die sogenannte „Svoboda-Armee“, die sich in der Sowjetunion unter direkter Befehlsgewalt der Sowjetarmee und in politischer Abhängigkeit von KPdSU und KP formiert hatte. Eine besondere Rolle spielte dabei der militärische Nachrichten- und Abwehrdienst OBZ, der im russischen Buzuluk gegründet und dessen Mitglieder dort politisch geschult worden waren. Diese militärische Spezialeinheit war nicht in die reguläre Befehlsstruktur eingebunden, sondern der Führung des russischen NKWD-Generals Mechlis und der KP-Spitze unterstellt. Das Verteidigungsministerium sowie Innen- und Informationsministerium waren 1945 schon in der Hand der Kommunisten. Leider fehlen der Ausstellung noch ergänzende Dokumente aus russischen Archiven.

Zum rechten Verständnis des Themas dieser Ausstellung gehört aber auch das Wissen über die vorausgegangenen Verbrechen der deutschen und deutschböhmischen Nationalsozialisten – die Ermordung der Juden, die Massaker von Lidice, Ležáky und Malín, die zahllosen Verhaftungen, Folterungen und Hinrichtungen im „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter Heydrich und danach. (z. B. die Massaker an der Bevölkerung noch in April und Mai 1945 beim Rückzug der SS Abteilungen Richtung Westen) Die nächtlichen Verhaftungen, Hinrichtungen oder Verschleppungen in Arbeitslager wurden in aller Heimlichkeit durchgeführt. Sie sollten kein Aufsehen erregen, weil die tschechischen Arbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie von großer Bedeutung waren. Opfer dieser Aktionen war die Intelligenz, Studenten und Mittelstand, denn diese Menschen waren für die Kriegswirtschaft entbehrlich und politisch grundsätzlich verdächtig. So erschien das Protektorat nach außen hin als Oase inmitten des Krieges und nicht als besetztes Land.

Die in der Ausstellung gezeigte Dokumentation der Verbrechen der Nationalsozialisten werden hier aber nicht erwähnt  um eine, von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vertretene Kausalität von Wirkung und Ursache zu konstruieren, nach denen die sog. Grausamkeiten der Nachkriegs und „Revolutionszeit“ angeblich verursacht wurden.  Sondern um auf qualitativ ähnlich, aber quantitativ unterschiedliche  methodische Parallelen hinzuweisen und dies im historischen Kontext. Auf das Böse in Menschen und daraus entstandene Gedankengänge, Ideologien und abschließenden Selbstbetrug der Rechtfertigung.

Dazu J. W. Goethe: „Es gibt zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zu eigentlichen Theorie wird. Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles faktische schon Theorie ist. Man suche nur nicht hinter den Phänomenen: sie selbst sind die Lehre.“ 

Dieses System des Nationalsozialismus wurde nach dem Krieg von der „Nationalfront“-Regierung unter Einfluß der Kommunisten skrupellos übernommen und kopiert. Die ethnischen Säuberungen, von denen auch die Ungarn und andere Nationalitäten auf dem Boden der Tschechoslowakei betroffen waren, erscheint so als eine Generalprobe auf das, was die Republik in den fünfziger Jahren erwartete, nachdem die Kommunisten unumschränkt an der Macht waren. Die Abrechnung mit den „Klassenfeinden“, nämlich der westlich orientierten Opposition, und der Versuch, anstelle der alten bürgerlichen Elite eine „proletarische Intelligenz“ zu schaffen, waren die ersten Schritte. Die Neubesiedelung der „gesäuberten“ Grenzgebiete, insbesondere Nordböhmens, bot dabei ein besonderes Versuchsfeld für gesellschaftliche Experimente – ein Laboratorium für die neue „soziale Ingenieurswissenschaft“ nach sowjetischem Muster.

Was diese Ausstellung nicht abschließend beantworten kann, ist: Warum kam es zur Wilden Vertreibung und der damit verbundenen schrecklichen Gewalt? Die Ausstellungstafeln geben dazu nur Hinweise. Der geschichtliche Überblick lehrt uns, dass dies nicht die erste Vertreibung im böhmisch-mährischen Raum ist. Das fast tausendjährige Zusammenleben von Tschechen und Deutschen wurde zuvor schon zweimal durch Vertreibungen unterbrochen, die sich jedoch nicht entlang nationaler, sondern religiöser Grenzen vollzogen. Deutsche und Tschechen waren davon gleichermaßen betroffen. Sie waren gleichwohl wie im 20. Jahrhundert verursacht von großen politischen Erschütterungen und begleitet von einer Veränderung der Machtverhältnisse und der Umverteilung wirtschaftlicher Güter, von der die Zurückgebliebenen und Neueinwanderer profitierten.

Denn in allen Zeiten, wo feste Strukturen zerfallen oder zerstört wurden, und dies sind in erster Linie Verwaltungsstrukturen, die mit den Gewaltmonopol der Verwaltung verbunden sind, finden sich Versuche die Gesellschaft neu zu strukturieren und vorhandene Werte umzuverteilen. Als Instrumente dienten hier dazu  im Mittelalter die Religion, seit der Aufklärung der Nationalismus und im 20 Jahrhundert  Ideologien. 

Was zuvor der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten bewirkte, wurde im 19. Und 20. Jahrhundert vom Nationalismus ausgelöst. Völker und Volksgruppen nahmen sich als Wertegemeinschaften wahr, die nicht zusammenpassen, ja sogar in einer quasi-religiösen Wertehierarchie stehen. Deshalb wollten sie nicht mehr zusammen leben oder, wenn Zusammenleben aufgrund der Völkervermischung unausweichlich war, die jeweils anderen beherrschen. Dies führte zu einer Katastrophe, als eine fürchterliche Diktatur in Deutschland umsetzte, was bisher nur in nationalistischen und rassistischen Phantasien spukte. 1945 ernteten ihre Anhänger, was sie gesät hatten. Traurigerweise nicht nur sie. Doch individuelle Gerechtigkeit ist keine Kategorie der Geschichte. Selbst die sudetendeutschen Kommunisten, die sich begeistert an der „Revolution“ gegen die reichsdeutschen Okkupanten beteiligt hatten, wurden am Ende Opfer des tschechischen Nationalismus.

Die Motive der Regierungshandelnden in Prag – und das waren neben den Tschechen auch die Sowjets – für die „Abschiebung“ (odsun) sind weitgehend erforscht. Nach dem Anschluss des Sudetenlands an das Deutsche Reich und der Okkupation der Rest-Tschechei erschienen die Deutschböhmen als nationaler Feind, dessen man sich entledigen müsse. Die Zustimmung der Alliierten zur Aussiedlung der Deutschen nach dem Krieg wurde früh gesucht und schließlich erreicht. Die Sowjetunion als Befreier der Tschechoslowakei hatte überdies ein Interesse daran, diese als Verbündete zu erhalten, indem sie deren politische Ziele unterstützte.

Die Frage bleibt nach der „Wilde Vertreibung“ mit ihren Verbrechen, die nachweislich nicht spontan und unorganisiert geschah, sondern von der militärischen Führung und den kommunistisch geführten Ministerien für Inneres und Verteidigung gelenkt, wenn auch vielleicht nicht auf allen Ebenen kontrolliert wurde. Leider fehlen dazu überzeugende Dokumente. Militärführung und Geheimdienst argumentieren immer wieder mit der prekären Sicherheitslage im Grenzgebiet, doch dafür gibt es – abgesehen von Einzelfällen panischer Reaktion – keinerlei Belege, im Gegenteil: Tschechische Zeugen bestätigen, dass die Deutschen „lammfromm“ gewesen seien. Allerdings kann man den Äußerungen der militärischen und politischen Akteure entnehmen, dass sie den Terror gegenüber Deutschen als politisch und moralisch gerechtfertigt ansahen. Naheliegend ist, dass bis zur endgültigen Entscheidung über die Aussiedlung auf der Potsdamer Konferenz möglichst vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten – durch Tötung, Vertreibung oder Flucht. Danach hörte der Terror weitgehend auf. Als zusätzliches Motiv muss in Rechnung gezogen werden, dass quasi vor der Tür die Neusiedler warten, die als kommunistische Klientel dazu bestimmt waren, Nordböhmen zur Hochburg der KPČ zu machen. Doch die Wolhynien Tschechen warten vorsichtig ab, wie sich die Dinge entwickeln würden, den sie hatten schon Erfahrungen mit der kommunistischen Macht und wurden teilweise später  selbst zu Opfern  von Säuberungen in den 50 Jahren. 

Um zu verhindern, daß die Geschichte in unseren Köpfen uns die Köpfe verdreht, ist es gut, sich immer wieder mit den dokumentarischen Fakten zu beschäftigen. Diese Ausstellung ist ein Versuch dazu.

 Frankfurt am Main den 2. März 2012

Otokar Löbl

Vorsitzender des Fördervereins der Saaz / Žatec e. V. Kurator der Ausstellung

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