Der  Förderverein der Stadt Saaz/Žatec e. V. präsentiert die Wanderausstellung

“ Die wilde Vertreibung der Deutschen aus Nordböhmen 1945”

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Grußwort von Karl Hafen

Geschäftsf. Vorsitzender, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Frankfurt am Main

Hafen

Sehr geehrte Besucher der Ausstelung,

liebe Freunde vom Förderverein der Stadt Saaz,

Vertreibung als Kriegs- und Nachkriegsschicksal ist und bleibt ein aktuelles Thema, und auch in Europa endete es nicht mit der Vertreibung der Deutschen. Die letzte große Vertreibung in Europa fand vor weniger als 20 Jahren auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens statt. Auch sie ging einher mit schwersten Menschenrechtsverletzungen. Dass wir heute der Täter habhaft werden können, war über zehn Jahre Teil unseres Auftrags. Über 35.000 Fragebögen hatten wir verteilt, damit Opfer dem Strafgerichtshof in Den Haag die Täter nennen sollten. Parallel haben wir mitgeholfen, Regierungen zu überzeugen, dass nur ein Strafgerichtshof den Opfern Hoffnung auf Rückkehr, auf Bestrafung der Täter und auf Wiedergutmachung machen kann, um den Weg der Versöhnung zu ebnen. Nur wenige Jahre nach den Verbrechen kannte man bereits die Täter, die Zahl der Opfer und die Wiedergutmachung konnte beginnen. Die Vertriebenen, um die es in der Ausstellung geht, hatten diese Chance nicht, sie wurden noch nicht einmal von denen gerne angenommen, denen dieses schwere Schicksal erspart geblieben war.

In meiner Heimatstadt in er Nähe von Bonn blieben Vertriebene auch nach ihrer Ansiedlung in einer eigenen Siedlung einen Kilometer außerhalb des Ortskerns bis in die sechziger Jahre hinein fremd. Sie waren da, aber selbst als meine Klassenkameraden blieben sie unter sich. Niemand wollte etwas über ihr Schicksal wissen. Vielleicht wollte niemand eine Verpflichtung eingehen, und sie selbst sprachen nicht oder wenig über ihr Schicksal. In der Schule war Vertreibung kein Thema. In den 50er Jahren fiel mir eine graue Briefmarke mit fliehenden Menschen in die Hände; warum und was geschehen war, damit befasste ich mich erst als Erwachsener.

Die Ausstellung „Die ‚Wilde Vertreibung’ der Deutschen in Nordböhmen 1945“ ist nicht nur für meine unpolitisch und unkritisch erzogene Nachkriegsgeneration eine lehrreiche Ergänzung der Aufarbeitung der deutschen Vor- und Nachkriegsvergangenheit an den Stätten des Geschehens. Eingebettet in eine Übersicht über die historische Entstehung eines eigenständigen Staates Tschechoslawakei mit über Jahrhunderte angelegtem Misstrauen der Volksgruppen untereinander, die Frage der historischen Schuld und den Ursachen der Vertreibung sowohl als Vergeltung für deutsche Gräueltaten als auch durch die stabsplanmäßig geführten Vertreibungsoperationen und Massenhinrichtungen durch Freischärler im Schutze sowjetischer Besatzungstruppen, durchlebt der Besucher quas als Augenzeuge eine kurze Zeit der Anarchie. Insbesondere die sorgfältig ausgesuchten Zeugenberichte über individuelle Not, Angst und Hilflosigkeit, den Schmerz über das persönliche Erlebnis der Ermordung von Angehörigen, Kindern und Hilfebedürftigen und die Untermauerung der Berichte durch Einblicknahme in geheime tschechische Archivakten macht diese Ausstellung zu einer bedeutsamen Geschichtsdokumentation.

Die Ausstellung „Die ‚Wilde Vertreibung’ der Deutschen in Nordböhmen 1945“ erklärt die Gewalt auf allen Seiten und verurteilt sie genauso wie die noch anzutreffende Rechtfertigung von Gewalt; sie stellt die Geschehnisse in einen historischen Zusammenhang, ohne das individuelle Erlebnis zu unterschlagen. Sie ist daher ein Beitrag zur Versöhnung.

Karl Hafen

Geschäftsf. Vorsitzender, Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

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