Der  Förderverein der Stadt Saaz/Žatec e. V. präsentiert die Wanderausstellung

“ Die wilde Vertreibung der Deutschen aus Nordböhmen 1945”

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Der Weg nach München

Karte SudetenlandAm 28. Oktober 1918, nach dem Untergang der Habsburg-Monarchie, wurde in Prag von Vertretern der vier tschechischen Parteien der tschechoslowakische Staat ausgerufen. Der kaiserliche Statthalter nahm dies widerspruchslos zur Kenntnis; er überließ die Amtsgeschäfte seinem tschechischen Stellvertreter. Am 29. Oktober 1918 riefen die Abgeordneten der deutschsprachigen Wahlkreise Böhmens, Nordmährens und Österreichisch-Schlesiens die „Provinz Deutschböhmen“ aus und teilten der Wiener Nationalversammlung und dem US-Präsidenten Wilson mit, dass die Provinz ein Teil Deutsch-Österreichs werden wollte. Mit dem Vertrag von Saint-Germain kamen Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien jedoch an die neu gegründete Tschechoslowakei. Der Wunsch nach einem Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung fand keine Berücksichtigung. Der Vertrag trat am 16. Juli 1920 förmlich in Kraft und bestätigte die Auflösung Österreich-Ungarns auch völkerrechtlich.  (Zerschlagung der Tschechoslowakei. Das Ergebnis des Münchner Abkommens 1938, Privatarchiv von W. Curlin)

In den Friedensverhandlungen hatte der tschechoslowakische Außenminister Edvard Beneš behauptet, dass kein geschlossenes Siedlungsgebiet von Deutschen auf dem Gebiet des neuen tschechoslowakischen Staates existiere, und er hatte dabei die Zahl der Deutschsprachigen – laut Volkszählung von 1910 etwa 3,5 Mio. gegenüber 6,3 Mio. Tschechen und Slowaken – bewusst niedriger angegeben. Er hatte versprochen, dass den Deutschen die vollen bürgerlichen und nationalen Rechte eingeräumt würden und dass das Deutsche die zweite gleichberechtigte Landessprache werden sollte – nach dem „Schweizer Modell“. Nach der Unterschrift des Friedensvertrages mit Österreich in Saint-Germain am 10. September 1919 blieb von diesen Versprechungen nichts übrig. Vielmehr wurde der neue Staat nach französischem Vorbild als zentralistischer Staat der „tschechoslowakischen Nation“ gegründet.  

Arbeitslosigkeit-1935Der Widerstand der Deutschböhmen, die im März 1919 an den Wahlen zur Nationalversammlung Deutsch-Österreichs teilnehmen wollten, wurde noch vor Ende 1918 durch die militärische Besetzung ihrer Gebiete gebrochen. Unterdessen wurde die Verfassung ohne Mitwirkung der Deutschböhmen – wie auch ohne die anderen Minderheiten – ausgearbeitet und am 6. März 1920 in Kraft gesetzt. Obwohl die Gesetzgebung der Tschechoslowakei keine nationale oder ethnische Diskriminierung beinhaltete, traten in der Praxis, u. a. im Bereich der Wirtschaft oder des Schulwesens, Entwicklungen ein, die auf eine faktische  Diskriminierung der deutschen Bevölkerung hin­ausliefen.  (Bild Links: Böhmen und Mähren im Spiegel der Statistik, Eduard Winkler, Karlsbad 1937)

 

Während der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren war die Arbeitslosigkeit in deutschen Siedlungsgebieten gegenüber dem tschechischen Kernland überdurchschnittlich hoch. Die sozialen Spannungen kulminierten in einem Volkstumskampf. Die Währungs-, Wirtschafts- und Handelspolitik der Tschechoslowakei begünstigte planmäßig die tschechischen Gebiete und behandelte die deutschen Bezirke stellenweise fast wie ein Kolonialgebiet. Aus ihnen wurde herausgeholt, was mit Steuern möglich war, investiert wurde aber vor allem dort im deutschen Siedlungsgebiet, wo sich tschechische Unternehmen mit tschechischen Angestellten und Arbeitern niederließen. Diese Politik gipfelte im Erlass des tschechischen Verteidigungsministers Machnik, dass bei Rüstungsaufträgen nur Firmen mit überwiegend tschechischer Belegschaft bedacht werden durften. 

SdP-1.Mai PodersamEs war deshalb kein Wunder, daß die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland auch bei den Deutschen in Böhmen, Mähren und Böhmisch-Schlesien ein starkes Echo fand. Bereits seit 1919 gab es hier eine „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ (DNSAP), deren ideologischer Kopf Rudolf Jung auch für die Bruderpartei im Deutschen Reich erhebliche Bedeutung hatte. Die beiden Nazi-Parteien pflegten eine enge Kooperation. Anfang der dreißiger Jahre bekannte sich die DNSAP offen zur NSDAP. Als daraufhin 1933 ein Verbot durch die tschechoslowakische Regierung drohte, löste sie sich selbst auf. Wenige Tage später gründete sich unter Konrad Henlein die „Sudetendeutsche Heimatfront“, später in „Sudetendeutsche Partei“ (SdP) umbenannt, in der die meisten DNSAP-Mitglieder eine neue Heimat fanden. Sie beanspruchte, als nationale Partei alle Deutschen in den böhmischen Ländern zu vertreten. (Bild Links: Kundgebung der Sudetendeutschen Partei in Podersam am 1. Mai 1937 aus der Privatsammlung von J. Hasenöhrl)

Entsprechend Hitlers zynischer Forderung, von den Tschechen immer so viel zu fordern, „daß wirVölkischer Beobachter nicht zufriedengestellt werden können“, forderte die SdP weitgehende Autonomie und setzte auf kompromisslose Konfrontation gegenüber dem tschechoslowakischen Staat.  Tatsächlich wurde sie in Kürze zu einem der wichtigsten Machtfaktoren im Lande. Dazu trugen nicht zuletzt die finanzielle Unterstützung aus dem „Reich“ in Millionenhöhe bei, ebenso ab 1937 die Propaganda-Sendungen über angebliche Gräueltaten der Tschechen an Deutschen und schließlich die Aufstellung und Bewaffnung des „Sudetendeutschen Freikorps“, das Überfälle auf tschechische Grenzstationen unternahm. Bei den Gemeindewahlen im Mai und Juni 1938 erhielt die Henlein-Partei in freier Wahl zwischen 80 und 90 % aller deutschen Stimmen. Bild Rechts: Zwei Wochen vor dem Abkommen in München macht Hitler Druck auf die Tschechoslowakei und die Westmächte. Die Völkische Volkszeitung der NSDAP vom 13. September 1938, Münchner Ausgabe) 

München 2Die Radikalisierung des deutschen „Volkstumskampfes“ und Hitlers offene und verdeckte Drohgebärden gegenüber der Tschechoslowakei führten schließlich zur internationalen „Sudetenkrise“. Nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich im März 1938 bemühten sich Frankreich, Großbritannien und Italien um Vermittlung. Dies führte im September zum „Münchener Abkommen“, das die Abtretung der Sudetengebiete an Deutschland gegen eine Garantie für die Rest-Tschechoslowakei vorsah – die freilich wenige Monate später schon Makulatur war. Dieses Abkommen, ohne Mitwirkung und gegen den Willen der Regierung in Prag geschlossen, hinterließ tiefe Narben in der tschechischen Seele, die teilweise bis heute schmerzhaft nachwirken. (Bild Links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolilni under italienischer außenminister Graf Galazzo Ciano - Quelle Bunderarchiv)

Propaganda-Postkarte (Privatarchiv)

Sudetenland-ist-frei

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Einwohner in Asch begrüßen den Einmarsch der deutschen Reichstruppen (Bundesarchiv)

Asch

Konrad Henlein bei der Aufnahme der Sudetendeutschen Partei in die NSDAP, in Rückenansicht Rudolf Hess (Privatarchiv)

Henlein

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